Ein Buch wie ein festlicher Weihnachtsabend

“Der Messias: Das Oratorium von Georg Friedrich Händel, Teil 1” 
von Rudolf Herfurtner (Autor),
Anna Severynovska (Illustrator)
Verlag: Annette Betz
ISBN: 9783219118797

Immer wieder erstaunt man aufs Neue darüber, was manche Verlage an Mut und Wagnis im Kinderbuchbereich aufbringen. Ein so inhaltlich und musikalisch gewaltiges, umfangreiches Musikstück wie das Oratorium von Händel in Bilderbuchform Grundschulkindern anzubieten, gleicht einem kühnen Abenteuerritt. Das kann nur gelingen, wenn die didaktische Aufbereitung für die kleinen Leser und Hörer überzeugend rüberkommt. “Hörer” deswegen, weil diesem Buch eine CD mit wichtigen Ausschnitten des Oratoriums beiliegt. 

Antons Großvater, der lebenslustige Mann, kommt ins Nachsinnen, als er mit seinem Enkel am Fenster steht und die herbstliche Stimmung der Natur betrachtet. Im abendlichen Wohnzimmer bei Kerzenschein kommt das Gespräch der beiden wieder auf das Vergehen und Werden der Natur. Der Großvater weiß von G.F. Händel und seinem Oratorium: Der erste Teil berichtet vom Traurigsein und Warten und Hoffen. Doch am Ende erzählt es von der wunderbaren Freude, wenn wieder das Licht in der Finsternis auftaucht und alle erlöst.

Natürlich gehen sie ein paar Tage später hin in die Martinskirche, zur Aufführung des 1. Teils des “Messias”.  Sie fahren nicht mit dem Auto, sie gehen. Durch Schnee und den nächtlich-dunklen Wald. Opa will es so, da kann er ihm noch etwas von dem großen Komponisten erzählen, der sich kränklich, erschöpft und lustlos fühlte, als er sich an dieses Oratorium machte. Doch eine Einladung aus Dublin gab ihm all seine Lebensfreude zurück.

Bei so einem vertrauten Gespräch kann es schon vorkommen, dass es ins Philosophische abschweift. Traurige Phasen erlebten die Menschen auch früher; gut, dass so Propheten wie Jesaja auftauchten und von der Herrlichkeit Gottes berichteten, die auf die Erde kommen soll. Als die beiden schließlich aus dem Wald treten, fällt ihr Blick auf die festlich beleuchtete Kirche. “Das Volk, das im Dunkeln wandelt, sieht ein großes Licht”, fällt Opa hierzu ein. 

Das Konzert in der Kirche ist Höhepunkt und Abschluss der Einführung zum “Messias” zugleich. Auf dem Schoß seines Großvaters fühlt sich Anton wie “eingehüllt in eine jubilierende Schar von Engeln”. 

Die Hinführung zu diesem Oratorium der Hoffnung gelingt Rudolf Herfurtner, dem Autoren, meisterlich. Die ausdrucksstarken Bilder von Anna Severynovska bestätigen das Gesagte unaufdringlich, sensibel. Sie sind Teil der Gesamt-Komposition aus Hörgenuss, liebevoller Erzählung und  großflächigen, stimmungsvollen Illustrationen. Ein Buch wie ein festlicher Weihnachtsabend. 

Ein leerer Eimer, mehr geht leider nicht

Eine Wiese für alle
von Hans-Christian Schmidt (Autor) und Andreas Német (Illustrator)
Verlag: Klett-Kinderbuch
ISBN: 9783954702428

Nicht immer erzählen Bilderbücher liebe, nette Geschichten. Das Buch “Eine Wiese für alle” fällt aus diesem Rahmen. Es beginnt mit: “Stell dir vor, du bist ein Schaf.” Neben diesem Satz steht das Schaf und schaut dir in die Augen; will sagen: ich bin du, du bist ich. Und somit ist der Leser mittendrin im Geschehen. Rundum weitere Schafe auf einer herrlich saftigen Wiese. Alles paletti so weit, vom Meer ist man durch eine hohe Klippe geschützt. 

Eines Tages aber droht Ungemach: ein etwas dunkleres Schaf nähert sich in einem geflickten, nicht  seetüchtigen Boot und bittet um Aufnahme. In seiner Heimat gab es Wolfsalarm, ein Flüchtling also. Ja, ja, man ist bereit zu helfen. Und schon fliegt ein leerer Eimer hinunter, damit der Dunkle das Wasser aus seinem lecken Boot schöpfen kann. Mehr geht leider nicht. Der Leser ahnt, wie die Geschichte enden wird. Es kommt die Flut – o Gott! – die Schafe oben auf der saftigen Wiese schließen die Augen. Im Buch folgen mehrere komplett schwarze Seiten. 

Zum Glück gibt es einen zweiten Schluss. Das dunkle Schaf steht plötzlich unter den weißen Schafen auf der Wiese mit dem saftigen Gras. Wie kam es dazu? “Ich hatte zum Glück Hilfe”, meint es – und schaut dem Leser, seinem Helfer, in die Augen.

Das Thema Migration ist schon längst in der Kinderliteratur angekommen. Auch wenn Kindern “Lesbos”, “Moria” oder “Flucht über das Mittelmeer” noch kein Begriff sein sollten, das Buch macht sie sensibel für das Gigaproblem des heutigen Europas. Doch es schildert und erklärt nicht aus einer erhöht-neutralen Position aus, es spricht direkt zum Leser und fordert ihn auf, aktiv zu sein. Fürs Überlegen bleibt keine Zeit, fürs Diskutieren ist es zu spät. – Glücklich die Kinder, deren Eltern die Zeit aufbringen, so ein Buch vorzulesen und mit ihnen drüber zu sprechen!

Wie Hugo und Hassan aus ihrem Stadtviertel einen Abenteuerspielplatz machen

Hugo und Hassan
von Kim Fupz Aakeson (Autor) und Rasmus Bregnhoi (Illustrator)
Verlag: Klett Kinderbuch
ISBN: 9783954702381

“Was geht?” schnappen Hugo und Hassan, die beiden rotzfrechen, ansonsten supercoolen Stadtjungen von Hipstern auf, die sich über das neue Griptape eines Boards unterhalten. Und wenden diesen Ausdruck und ähnliche beim Kakaotrinken gleich an – holterdipolter, so gut es eben geht. Das Leben ist bunt für die beiden, es geht runter und rauf, mal heiter, mal sauer, zart und knallhart. Sie schlagen sich, sie mögen sich. Ins Freibad mit Schwung und Arschbombe, aber nicht lange, denn dann kommt der Bademeister und wirft beide raus, gnadenlos. “Karate, das wär cool!”, meint Hassan. Und Hugo ist sofort dabei: “Boah, ja wenn einer frech ist, zack, bumm, erledigt.” Aber der Karate-Kurs ist ernüchternd. Kein Roundhouse-Kick, dafür Dauerlauf und Liegestützen. Neineinein, nichts wie weg!   

Für diese Art Jungen passt nur eine Buch-Form: die Graphic Novel. Kurze Texte, Kraftausdrücke aller Art, witzige Illustrationen mit flottem Strich, Sprach-Minimalismus, ansonsten wild und pralles Leben pur. Definitiv ein Jungenbuch, insbesondere für coole Kurzstreckenleser ab 11 Jahren. Grenzwertig die Story “Game over”, bei dem Nazis nach Lust und Können erschossen werden.

Der tolle Leonardo aus dem kleinen Vinci

Total genial! Leonardo da Vinci
von Isabel Munoz
Verlag: National Geographic Kids @ Edizioni White Star SrL
ISBN: 9788854046610

Ein biografisches Buch über Leonardo da Vinci zu schreiben kann nicht so schwer sein. Er, der Universalgelehrte mit geradezu überirdischer Interessenbreite, bietet jedem Autor Material genug. Schon die Liste von Leonardos Berufsbezeichnungen überwältigt: Maler, Bildhauer, Architekt, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosoph. Für ein Kinderbuch von 40 Seiten mit einem großen Bildanteil ist da eher die Kunst des Weglassens gefragt. Doch auf diese Kunst verstehen sich die Autorin Jane Kent und die Illustratorin Isabel Muñoz. 

Den Hauptteil der Information übernehmen die flächigen, naturalistischen Bilder, seien es Darstellungen von Leonardos Kindheit und Jugend in Vinci und Florenz, seien es Kleider, Räume im damaligen Look, aber auch Blicke auf seine Skizzen, seine fertigen Arbeiten oder aber seine technischen Visionen. Goethe war überwältigt von der Lebendigkeit des Bildes “Das letzte Abendmahl” aufgrund der Vielfalt der Handbewegungen, die hier zu sehen sind. Leonardos “Mona Lisa” gilt als eines der berühmtesten Bilder der Welt, hochinteressant seine Entwürfe für ein Fortbewegungsmittel für jedermann, das sich erst viel später als Fahrrad materialisieren sollte oder sein Hubschraubermodell oder … oder. 

Wenn es Büchern gelingt, jungen Menschen die Augen für die gigantischen Möglichkeiten des menschlichen Geistes zu öffnen, haben sie ihren Job getan. Kaufempfehlung ab 8 Jahren!

Wenn die Schmetterlinge im Bauch zu flattern beginnen

Jungs sind Idioten. Mädchen auch.
von Yvonne Struck
Verlag: Boje
ISBN: 9783414825353

Der Titel provoziert, aber er ist gut. Er fällt auf und macht neugierig, so soll es sein. Angesprochen dürften sich insbesondere Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren fühlen. Dass dieses Klientel aber in der Mehrheit nicht buchsüchtig ist, weiß Yvonne Struck, die Autorin, auch. Als Lockmittel reicht der Titel allein nicht, deshalb auch nicht so eng beschriebene Seiten, die empfindlich-zarte, von der Pubertät geplagte Jugendliche schockieren könnten, sondern ein Textformat, das ihres ist, das Twitter-Format: kurz, knapp, Schluss. Früher hätte man so etwas dem Tagebuch zugeeignet, doch hier handelt es sich lediglich um Gedanken des Augenblicks, keine niedergeschrieben Einsichten am Abend. Yvonne Strucks dritte Methode, sich dem zugegeben schwierigen Alter zu nähern, ist die Sprache. Bildungsbürger mögen die Nase rümpfen, doch für sie ist dieses Buch ja nicht gedacht. Die Jugendsprache ist nun mal anders: direkter, unverblümter, offener, witziger, aber auch grober, rücksichtsloser. Dürfen gedruckte Texte auf dem Niveau der gesprochenen Sprache sein?   Auch Mark Twain hatte schon seine Not damit. Als sein “Tom Sawyer” herauskam, wurde er gleich wieder verboten: wegen der darin vorkommenden “Kraftausdrücken”. “Jungs sind Idioten. Mädchen auch.” ist anders. Hier geht es um eine Freundschafts- oder Liebesbeziehung unter Teenies, in der sowohl die körperliche Annäherung als auch die Wellenbewegungen im Gehirn nicht ausgespart werden. Und was sich im Denken abspielt, wird auch á la Twitter gesagt. Die Geschichte muss deswegen nicht schlechter sein, sie ist direkter.

Ein vierter Kniff aus der Trickkiste rundet das Ganze ab. Da der strukturelle Aufbau der Geschichte die Leser nicht überfordern soll, geht es ohne Umschweife gleich zur Sache und bleibt konsequent dabei. Größere Passagen des Nachdenkens und des philosophischen Grübelns fehlen, Nebenschauplätze und umfangreiche Verästelungen würden unnötig Komplikationen hervorrufen. Auch hier eine Verneigung vor Twitter und Co.

Yvonne Struck’s Plan jedoch geht auf. Das Buch liest sich flott und locker-leicht. Es motiviert und hält munter. An ein Aufhören mitten im Lesen ist hier nicht zu denken, da will man durch, finden sich Laura und Finn am Ende wirklich? Natürlich läuft bei den beiden nicht alles in Perfektion, eine solche Liebesgeschichte wäre auch zu öde. Laura und Finn mögen sich von Anfang an, flattern flugs in Wolke sieben hoch, ihre anfängliche emotional-seelische Vorsicht, typisch für die Pubertät, bremst jedoch. Yvonne Struck versteht es durchaus, die Zerbrechlichkeit und aufkeimende Zuneigung zart und feinfühlig in wunderschönen, zeitgemäßen Worten zu fassen. So denkt/sagt Finn einmal: “Zong! Ihre Augen in meinen. Wie vom Laster angefahren, nur in Schön. So fühlt es sich an.” Wer so jung ist, der darf auch Fehler machen. Und Laura und Finn zeigen sich da nicht anders als alle anderen. Kaum fangen die ersten Schmetterlinge in ihnen zu tanzen an, rennen sie zu ihren jeweiligen Kumpeln und plappern davon – in der Hoffnung auf die besten Tipps. Ja, sie erhalten Tipps, allerdings in anderer Art als gewünscht. Ein weiteres Problem tut sich auf, als Lara von Daniel die Einladung erhält, der Schulband beizutreten. Diese nimmt sie, die begeisterte Gitarrenspielerin, mit Freude an, stößt damit aber Finn in traumatische Zustände. Für ihn ist Daniel partout nur darauf aus, sich Lara zu schnappen. Die Freundschaft Lara-Finn gerät ins Schlingern, ihre Kumpels sind zur Hilfestellung nicht in der Lage – oder wollen ganz einfach nicht. Diesen Spannungshöhepunkt löst die Autorin mit einer fast schon brachialen Aktion: Daniel ist schwul, sickert allmählich durch. Im Gegensatz dazu klingt das Buch mit einer romantisch-bezaubernden Inszenierung von Lara aus. Am Ende sitzt der leidende Finn wieder in Wolke sieben – fester als er es je war.

 

Kommentar zu dieser Rezension von der Autorin (vom 9. Februar 2021):

Sehr geehrter Herr Hoffmann,

mit großer Freude habe ich Ihre Besprechung von „Jungs sind Idioten. Mädchen auch.“ in der Neuen Passauer Presse gelesen.

Das Buch ist ja nun schon zwei Jahre auf dem Markt, aber eine so treffende Analyse habe ich noch in keiner Rezension entdecken dürfen.

Ich kann bestätigen: Sowohl das Naserümpfen einiger Bildungsbürger als auch die Begeisterung von (normalerweise) lesefaulen Jugendlichen und ihren Eltern ist mir aus zahlreichen Rezensionen und Nachrichten sehr wohl bekannt.
(Letztere sind zum Glück klar in der Überzahl.)

Kurz gesagt: Danke für Ihre detaillierte und wunderbare Rezension!

Herzliche Grüße,
Yvonne Struck