Auf leisen Sohlen durch die Nacht

Marie Dorléans
„Auf leisen Sohlen durch die Nacht“ ISBN 9783836960373
Verlag Gerstenberg

Wohl die schönsten Werke im Bereich Kinderbuch sind diejenigen, die den Leser nahezu ganzheitlich für sich einnehmen, in denen die Bildkunst ihre ästhetische Wirkung entfalten und gleichwertig mit dem Text auf den Leser wirken darf. Das aus dem Französischen übersetzte großflächige Buch „Auf leisen Sohlen durch die Nacht“ von Marie Dorléans ist so eine Kostbarkeit, die man nicht wieder aus der Hand legen möchte.

Dabei ist die Geschichte selbst eher bieder. Eine Familie macht sich frühmorgens zu einer Wanderung auf. Im fahlem Morgenlicht stapfen sie durch das noch schlafende Dorf. Die Gassen sind noch warm vom Tag, ein Hund streift umher, das Hotel strahlt wie ein Kronleuchter. Ihr Weg führt sie auf einen Berg, dem Ziel ihrer Unternehmung.

Die große Action bleibt aus, doch das Erleben dieser blauen Stunde, des Werdens eines neuen Tages ist für die zwei Kinder Abenteuer genug. Die Luft riecht nach Schwertlilien und Geißblatt. Das Häuschen am Ende des Dorfes har nur noch ein Auge geöffnet. Sie nehmen den erdigen Geruch nach trockenem Gras wahr, auch den Gesang der Heuschrecken. Was sie erleben, geht tief: Die Sommernacht ist wunderschön, das Schauspiel am Himmel mit seinen Abermillionen funkelnden Sternen raubt ihnen den Atem. Am Gipfel angelangt gibt es aber doch noch die Belohnung für ihre Mühen. Das allumfassende tiefe Blau weicht zurück, als hinter den weichen Bergkuppen die Sonne aufgeht, Stück für Stück, fast schon ein wenig theatralisch, ein Geschenk der Natur, für Kinder und Erwachsene ein Erlebnis, immer wieder und immer neu. Am Ende verstummen die Worte, jeder Kommentar ist überflüssig. Die Bilder können die Schönheit besser einfangen. Gewaltig, geradezu berauschend.

Ein Buch wie ein Film, nein, mehr als ein Film. Besser kann man die Wirkung der Natur, der Schöpfung, wohl nicht einfangen.

Der magische Fuchs

Von Heinz Janisch (Text) und Katja Gehrmann (Illustration) ISBN: 9783407812193 Verlag Beltz&Gelberg

Nach altpersischen Vorstellungen durchdringt eine transzendente Kraft den Kosmos, die man sich mithilfe von Magie zunutze machen kann. Das muss Mira intuitiv gespürt haben, denn sie griff auf dieses Mittel zu, als es nötig war.

Dabei war ihr Umwelt nach außen hin völlig in Ordnung: ein Haus auf dem Land, in dem sie sich wohlfühlte, der Waldbäume vor ihrem Fenster, denen sie manchmal zuwinkte.
Aber alle Harmonie ist dahin, wenn ihre Eltern zu streiten beginnen. Warum? Das weiß Mira nicht, möglicherweise auch wegen ihrem Spielzeug, das über die halbe Wohnung verstreut ist. Und komisch, kaum schwebt eine solch ungute Stimmung durch das kleine Haus, verformt sich Bett, Tisch und Puppe. Alles ist plötzlich spitz, kantig und eckig. Sogar die Äste ihrer Lieblingsbäume werfen unheimliche Schatten.

Zum Verzweifeln? Nein, es gibt ja noch den weißen Fuchs, Mira kennt ihn. Es ist der magische Fuchs. Schon steht er vor ihrem Fenster. Bereit zum Zuhören. Und schon erzählt ihm Mira ihre Sorgen rund um Papa und Mama. Aufmerksam hört er zu, bis Mira alles gesagt hat. Er versteht sie, er versteht alles, das spürt Mira. Dann dreht er sich um und läuft in den Wald zurück.

Und siehe da, welch Überraschung! Kaum ist der magische Fuchs weg, hört Mira aus der Küche lautes Lachen. Papa und Mama können wieder lachen. Und all die Ecken, Spitzen und Kanten? Die sind wieder rund, so wie früher.

Heinz Janisch, der Autor, weiß sehr genau um die Gefühle und das Denken der Kinder. Mit einfachen, wenigen Worten gelingt es ihm, die Tiefen der Kinderseele an Licht zu holen. In seinen Worten und Erzählungen finden sich die Kinder wieder. Er beschreibt ja ihre Sorgen und Nöte, wie sie sind. Nicht einmal für sie ist die Welt rosarot, Unstimmigkeiten und Gefahren lauern überall. Gut, wenn man auf ein Mittel zurückgreifen kann, das wie eine schmerzlindernde Salbe wirkt.

Nicht nur ein magischer Fuchs besitzt Heilungs-Qualitäten, auch solch ein Buch hat sie. Oder ist Heinz Janisch selbst der Fuchs dieses Buches?

Die zweite Arche

Hainz Janisch, Hannes Binder ISBN: 9783715207612 Verlag Atlantis

Gott schickte die Sintflut bekanntlich als Strafe über die Menschheit, mit der er sehr unzufrieden war. Einzig den untadeligen Noah beauftragte er, eine Arche zu bauen, um damit sich, seine Familie sowie alle Tiere zu retten. Doch schaffte es Noah tatsächlich, allen, die einen Anspruch auf einen Platz in der Arche hatten, mitzunehmen?

Nicht ganz, Alef zum Beispiel, war nicht im Boot, als Noah die Leinen losließ. Und mit ihm eine Reihe anderer, seltsamer und exotischer Gestalten. Das Einhorn etwa, zwei Zentauren, ein Pegasus, die Sphinx und der Vogel Greif. Sie waren entweder zu spät oder hatten den Aufruf Noahs gar nicht erst mitbekommen.

Zum Glück war Alef , der auch zur großen Familie des Archebauers gehörte, einer wie Noah: kühn, zupackend, entscheidungsfreudig. Es brauchte nicht lange – und schon hatte er beschlossen: Wir bauen eine weitere Arche. Die Zustimmung von allen Seiten war ihm sicher.

So wurde auch die Arche Nummer 2 vor dem einsetzenden großen Regen fertig. Zyphius, halb Fisch, halb Drache, schwamm neben ihnen her. Alles verlief nach Plan. Nach 44 Tagen blieb Alefs Arche stehen. Er selbst suchte die Menschen auf und lebte glücklich unter ihnen.

Eine Kopie des Bibel-Originals? Nicht wirklich. Es wäre keine Heinz-Janisch-Geschichte, gäbe es keine Brüche mit der Erzählung, die von Kindheit an als Kulturdenkmal in unseren christlich-abendländischen Köpfen festsitzt. In einer Rede an seine exotischen Mitreisenden gibt Alef wohl auch Janischs Grundidee kund: „Wir sind anders als die anderen, und das ist gut so. Sie brauchen uns.“ Langeweile gibt es bei diesem Autor nicht. Unübliche, verquere Gedankengänge mit versöhnlichem Ende sind seine Spezialität. Vielleicht passen seine Erzählungen gerade deshalb so gut in unsere Zeit.

Die Schlacht von Karlawatsch

von Heinz Janisch (Autor) und Aljoscha Blau (Illustrator) ISBN: 978-3715207353
Verlag Atlantis

Das hätte nicht passieren dürfen: ein Tropfen Eiscreme auf einen Hund! Genauer gesagt, ein Tropfen Eis von den Blauen hat einen Hund der Roten. Ob versehentlich oder nicht, das spielt hier keine Rolle, hier geht es um den Tatbestand einer Belästigung, ja Beleidigung der Roten generell, die nicht ohne Folgen bleiben kann. Das sehen alle Roten so, das verstehen aber auch die Blauen gut. In Windeseile tauchen die ersten Fahnen auf, Schals werden zu Peitschen, Trommelwirbel, auffordernde Trompetenstöße, Schimpftiraden, die ganze Maschinerie der Aufrüstung kommt in Schwung. Rüstungen werden hervorgeholt, je martialischer, bombastischer und monströser, umso besser. Von Feldherren auf dem Hügel gelenkt steuern die Eisenwesen – als Menschen sind sie kaum mehr erkennbar – aufeinander zu. Dann fliegen sie, die dornengespickten Hüte und die kleinen, silbernen Knöpfe. Als das nicht ausreicht, besinnt man sich der Teile der eigenen Rüstung, auch sie eignen sich als Wurfgeschoße. Kurz darauf ist der Kampfplatz zugemüllt in Blau und Rot. Barfuß und in Unterhosen stehen sie nun herum, als Menschen wieder erkennbar, jedoch rat- und orientierungslos zunächst.

Als aber einer „Ich habe Hunger“ ruft, wendet sich das Geschehen zum Guten. Vereint wandern Blau und Rot dem Feuer- und Bratwurstgeruch nach, dem Frieden entgegen.

Ähnlich einer Parabel lehrt diese letztlich heitere Geschichte Entstehung und Auflösung von kriegerischen Akten. Das Ungemach, das erhitzte, kopfgesteuerte Gemüter in die Welt gesetzt haben, wird durch den Bauch, der hier für die elementaren menschlichen Bedürfnisse steht, wieder nivelliert.

Ein so komplexes Thema auf einfache, überzeugende Bilder und Worte herunter zu brechen ist eine Kunst. Bilderbücher, die solcherlei Aufklärungsarbeit in beschwingter Form leisten, darf man als Schätze betrachten.

Das Große Rennen

Von Heinz Janisch (Autor) und Gerhard Haderer (Illustrator) ISBN: 9783702659219 Verlag Jungbrunnen

Ein Ereignis der Extraklasse erwartet den Leser, ein sportlich-spannendes; klar, wir befinden uns auf einer Pferderennbahn; aber ebenso ein gesellschaftliches, betrachtet man die Herrschaften auf der Tribüne. Noch tut sich nichts auf der Rennbahn, Zeit also, sich die Besucher etwas genauer anzuschauen. Hier findet man nicht Hinz und Kunz aus dem fünften Stock einer Plattenbausiedlung, dieser Sportart hat sich die High Society verschrieben – oder denen, die sich dazu zählen. Für die feinen Damen in schicker Nerzstola oder stylishem Seidenkleid ist dieses Umfeld der perfekte Ort, um mit angesagter Mode zu glänzen. Insbesondere mit gewagten, gerne auch leicht durchgeknallten Hut-Kreationen, egal ob breitkrempig transparent mit kecker Feder oder turmartig verschlungen in tiefem Rot – mit dem entsprechenden Outfit kann jeder optisch auf sich aufmerksam machen. Das berühmte Ascot lässt grüßen, doch die Galopprennbahn Freudenau in Wien tut es auch, sicherlich auch Riem oder Daglfing in München. Im Vergleich dazu wirken die Herren in ihren dunklen Anzügen mit weißen Hemden und Krawatten sowie mit Zylinder oder Borsalino geradezu unauffällig.

Alles hätte bei diesem Event so schön normal werden können: die erwartungsvoll-wohlige Stimmung war da, die Wetten abgegeben, die stille Hoffnung auf einen satten Gewinn im Kopf verankert – wäre da nicht die urplötzlich um sich greifende Unruhe gewesen, die bei so manchem Auslöser für hysterisches Verhalten war.

Und tatsächlich, sobald die Stalltüren geöffnet waren, konnte man das Einschießen von Adrenalin in den Besucherreihen geradezu fühlen. Die gute, alte Rennbahnkultur schien dahin, zerbrochen ohne Vorwarnung, als man statt der Rennpferde Kamele hereinführte. Es interessierte letztlich niemanden, dass sie aus aller Welt stammten und Renn-Tiere erster Güte waren.

Kaum war der Startschuss verklungen, war auch das Spiel- und Wett-Fieber wieder da. Jockeys mit Leidenschaft gestalteten die Atmosphäre, wegen der man schließlich gekommen war. Ob auf Pferden oder Kamelen – das war jetzt eher die Nebensache. Hauptsache, man hatte am Ende einen Sieger, einen König, dem man zujubeln konnte und man konnte einen Wett-Gewinn mit nach Hause nehmen.
Heiß ging es her in der Hektik des Kampfes, ob Wüstenblume, Kala, Maura, Oase oder Sandsturm – die Wüstentiere schenkten sich auch in Wien nichts. Schon befand man auf der Zielgerade, dem Sieg so nahe, die Spannung zum Zerreißen gespannt. Doch hoppla: Zentimeter vor der Ziellinie blieben die Kamele mit einem Ruck stehen, Staub wirbelte auf und sämtliche Reiter landeten nach einem beeindruckenden Bogenflug im Sand.
Das war der Höhepunkt, der ultimative Gag, der in den Köpfen der Renn-Kamele geboren war. Er war gelungen, ausgezeichnet sogar. Träumten sie oder war es Wirklichkeit? Kurz darauf aber brachen sie in schallendes Gelächter aus. Die Besucher auf der Tribüne brauchten mehr Zeit, um diese außergewöhnliche Szene einordnen zu können. So etwas hatten selbst die Härtesten unter ihnen noch nie erlebt, ihr Blick wechselte zwischen den Kamelen und ihren Wettscheinen hin und her. Er verriet Hilflosigkeit und Irritation.
Am Ende war es ein Kind, das die Blockade bei den Erwachsenen löste und für einen heiteren Ausgang sorgte. Dem Mädchen sei Dank.

Eine Geschichte, so ganz nach Denkweise und Stil von dem Wiener Autor Heinz Janisch. In seinen Werken darf man auf den Überraschungseffekt zählen. Nur die Welt so zu beschreiben,

wie sie ist, ist seine Sache nicht. Seien es die Personen und deren Handlungen, sei es die spezielle Situation, immer taucht an einer Stelle ein irreales Etwas auf, das die Normalität aus den Angeln hebt oder ad absurdum führt. Hier sind es die Kamele, die den Menschen den Spiegel vorhalten. Mal ist es ein Lehrer, der sich so ganz unlehrerhaft benimmt („Herr Kratochwil kommt fast zu spät“), aber gerade dadurch seine Schüler zu seinen Fans macht; mal ist es eine Großmutter, die durch ihre aus der Rolle fallenden Aktionen ihrem Enkel das Beste bietet, das eine Großmutter nur geben kann („Frau Friedrich“).
Dieser Bruch mit der Realität verschafft Heinz Janischs Geschichten die Skurrilität, die Witz, Lachen und Nachdenken beim Leser generieren und sie so einmalig, so lebendig und frisch erscheinen lassen. Das Vergnügen, dass das Lesen seiner Bücher mit sich bringt, zieht nicht nur Kinder in seinen Bann. Erwachsene, ob in vorlesender Funktion oder nicht, fallen diesem Zauber ebenfalls anheim. Und wenn bei „Das Große Rennen“ die gesellschaftliche Persiflage bei Kindern nicht in ihrer Tiefe ausgelotet wird, so verliert dieses Buches dennoch nichts von seiner Qualität. Selbst wenn man dieses Buch nur auf einer unteren Ebene betrachtet, versprüht es Freude und Gewinn genug.
Am Ende sei jedoch noch darauf verwiesen, dass bei Bilderbüchern die Leistung des Illustrators dem Autor ebenbürtig ist. Ein Heinz Janisch ohne die genialen Bilder von Gerhard Haderer („Das große Rennen“) oder Helga Bansch (Frau Friedrich), das wäre wie ein Picasso ohne Farbe, wie ein E-Auto ohne Batterien.