Ein Kapitän, der der Welt entsagt und sich eine neue sucht

20.000 Meilen unter dem Meer
von Jules Verne, Wolfgang Knape (Autoren), Markus Zöller (Illustrator)
Verlag: Arena – Reihe: Klassiker einfach lesen
ISBN: 9783401717142

Jeder weiß es: Literarische Klassiker sind partout nicht totzukriegen. Aber was ist deren Geheimnis? Die Antwort findet man ganz einfach  – beim Lesen. Scheinbar alterslos strahlen sie eine Kraft und Faszination aus, die beeindruckt und berührt. Damit dieser Zauber auch bei Grundschülern des Jahres 2021 verfängt, muss das Original inhaltlich gekürzt, sprachlich angepasst und mit aussagekräftigen, Beziehung schaffenden Bildern ergänzt werden. 

Eigentlich ist es Professor Pierre Arronax aus Paris, der die Geschichte erzählt. Doch stiehlt ihm schon bald ein anderer die Show: Nemo, der skurrile Kapitän der Nautilus und erste Star-Figur des ganzen Fantasy-Genres. 

Die Menschen der Jahre 1866 und 1867 sind besorgt wegen einer Reihe von Schiffsunglücken auf den Weltmeeren. Gerüchten zufolge soll ein riesenhaftes Seeungeheuer die Ursache allen Übels sein. Dem soll im Rahmen einer amerikanischen Mission der Garaus gemacht werden. Hierzu wird der Professor eingeladen. Die Überraschung ist gewaltig, als man entdeckt, dass das Untier ein Unterseeboot ist, das technisch seiner Zeit weit voraus ist. Der Professor, sein Assistent und Ned Land, ein Harpunier aus Kanada sind kurz darauf Mitglieder der Crew des seltsamen Nemo. Dieser, ein Technikfan, wie es Jules Verne wohl auch war, besitzt ein elektrisch betriebenes U-Boot, dessen Energie er dank eines neuen Verfahrens dem Meer entnimmt. Muss auch sein, denn Nemo hat mit der Welt oberhalb gebrochen: Die Menschen schlagen sich pausenlos die Köpfe ein, vergiften die Gewässer und vernichten die Wälder. Seine Welt liegt hier im tiefen Meer. Was die Neuankömmlinge in den nächsten Monaten zu sehen bekommen, raubt ihnen den Atem: traumhaft schöne Dschungel, fantastische Farbwelten der Korallen, gewaltige, noch nie gesehene Tiere. Erlebnisse ohne Ende. Der Professor glaubt sich im Forscherhimmel, Ned Land aber sorgt sich um sein Leben. Schließlich ist für Kapitän Nemo Auftauchen und an Land gehen keine Option.  

Abenteuer-Einheiten im Minutentakt, lebendig und spannend. Immer noch, auch wenn das Original-Buch aus dem Jahre 1872 stammt. Der Bezug zu unserer Zeit macht sprachlos. Nemos Idee, der Erde zu entsagen und sich eine neue Welt zu suchen, macht sprachlos. Der Mega-Unternehmer Elon Musk aus den USA hat im Augenblick Ähnliches vor. Er will sich eine neue Lebensumwelt auf dem Planeten Mars schaffen.

Wer dieses Buch anfängt zu lesen, wird nicht wieder aufhören, bevor es zu Ende ist. 

Interview mit Onilo.de

“Der Zauberschlüssel ist der Schülercode”

 

Herr Hoffmann, als Schuldirektor a.D. verfolgen Sie die aktuelle Situation an den Schulen sicherlich genau. Viele Lehrkräfte stehen vor der Herausforderung, digital unterrichten zu müssen. Was halten Sie für besonders wichtig, wenn statt eines Buches ein digitales Medium zum Lesen von Kindern genutzt wird?

Anhand vieler durchgeführter Studien wissen wir heute, dass das Vorlesen sich ausgesprochen positiv auf das Lesevermögen der Kinder auswirkt. Ob aus einem Buch oder von einem Bildschirm aus ist von sekundärer Bedeutung. Insbesondere in Lockdown-Zeiten bietet sich das Vorlesen bzw. Selberlesen per digitalem Medium geradezu an.

Onilo wurde zwar für die Schule und den Lehrer geschaffen, um Geschichten von Paul Maar über Cornelia Funke bis zu Kirsten Boie in Gemeinschaft lesen und erleben zu können, aber per Schülercode entfaltet Onilo seine Wirkung auch im familiären Bereich. Onilo als Türöffner zur fantastischen Welt zwischen den Buchdeckeln.

Mit Mama oder Papa an der Seite, kuschelig auf der Couch Geschichten lesen, erleben und über die Geschichte sprechen – da tun sich Wunderwelten auf. Die pädagogisch-wertvollen Momente entfalten sich bei Onilo vor allem auf emotionaler Ebene.

 

Leseförderung findet nicht nur in der Schule statt, auch die Bibliotheken haben mit ihren Vorleseveranstaltungen einen weitreichenden Einfluss. Doch momentan können keine Vorleseveranstaltungen in den Bibliotheksräumen stattfinden. Haben Sie auch einen Tipp für die Bibliothekare, wie sie ohne Präsenz-Veranstaltungen trotzdem das Lesen fördern können?

Oh ja, den habe ich. Der Zauberschlüssel hierbei ist der so genannte Schülercode in Onilo. Es bietet sich ein Leseprojekt an. Unser aktuelles Beispiel, das wir im Verbund mit der benachbarten Grundschule in Passau durchführen, sieht so aus: Zunächst verschicken wir eine Einladungs- /Info-Email an die Eltern. Meine E-Mail stelle ich gern hier als Beispiel zur Verfügung.

Anschließend folgt für die Eltern eine genaue Bedienungsanleitung für Onilo. Meinen Text können Sie zur Vorlage hier einsehen. Vielleicht der wichtigste Hinweis:

Ideal wäre es, wenn Ihr Kind nicht vor dem Computer allein gelassen wäre. Mit Ihnen, liebe Eltern, zusammen, ist es pädagogisch weitaus effektvoller. Die Texte, die ins Bild fließen, sind bewusst knapp gehalten, um sie in Ruhe lesen zu können. Ob Ihr Kind liest oder Sie ist nicht so entscheidend. Sie werden selbst sehr schnell die optimale Vorgehensweise herausfinden.

Zwischendrin dürfen Sie durchaus mit Ihrem Kind über die Geschichte sprechen. Bei Onilo gibt es keine Hektik. Das nächste Bild/der nächste Satz erscheint erst, wenn Sie es wollen. Hierzu drücken Sie wieder (mit der Computer- Maus) auf die Play-Taste. 

 

Als ehemaliger Schulleiter haben Sie sicherlich viele Stress-Situationen kennengelernt. Haben Sie noch einen Tipp für alle, egal ob Eltern beim Homeschooling, Lehrkräfte oder Bibliothekare, wie man am entspanntesten durch diese Zeit kommt?

  1. Viel an die frische Luft: wandern, spazieren gehen, wenn möglich täglich.
  2. Sich etwas Gutes gönnen: hin und wieder feines Essen von einem Restaurant bestellen.
  3. Gute Musik entspannt hören
  4. Gedichte der deutschen Klassik lesen
  5. Sich handwerklich beschäftigen

 

Das Interview erschien auf onlio.de unter folgendem Link: https://www.onilo.de/aktuelles/homeschooling-und-lesefoerderung-interview-mit-herrn-hoffmann

Veröffentlicht in Onilo

Online-Lesestoff für Kinder im zweiten Lockdown

Michaela Geyer (v.l.) mit ihren drei Kindern Maxi, Basti und Michael beim Lesen mit dem Programm. −Foto: privat

Kinderbücher werden lebendig: Die Internetplattform “Onilo” bringt in der zweiten Coronawelle, in der auch die Büchereien geschlossen haben, nicht nur die Bücher nach Hause zu den Kindern, sondern fördert auch die Lesekompetenz. Dafür hat “Onilo” Kinderbücher digitalisiert und zum Teil animiert.

Wenn sich die Figuren auf Fotos oder Bildern bewegen, kennt man das sonst nur aus Fantasy-Filmen wie Harry Potter. Albert Hoffmann hat “Onilo” vor zehn Jahren in Passau kreiert und dabei die Idee gehabt, mit einigen wenigen Bildanimationen in Kinderbüchern, Lesen viel intensiver und spannender zu gestalten. Bekannte Geschichte werden dabei für ein neues Medium aufbereitet. Heute hat Hoffmann Anteile an dem Programm und ist in beratender Funktion noch mit von der “Onilo”-Partie. Das Programm wird federführend von StoryDocks im Hamburg betrieben.

Ursprünglich sollte es nur in Schulen zum Einsatz kommen. Das Projekt war für die Leseförderung gemacht. “Man muss sich das so vorstellen, dass Lehrer das veränderte Bilderbuch groß mit einem Beamer beispielsweise an die Wand werfen und die Schulkinder im Halbkreis um die Bildfläche versammelt sitzen und das dann gemeinsam lesen und erleben”, erklärt Hoffmann sein Projekt. Da könne dann auch kein kleiner Umtreiber auf der falschen Seite sein, oder etwas mit Bleistift auf die Seite schmieren.

Einen Film aber wollte Hoffmann bewusst nicht daraus machen, denn das Lesen solle im Vordergrund stehen. Die bewegten Bilder, die in den ursprünglichen Kindergeschichten starr sind, faszinieren Kinder und fördern so die Leselust.

Das Programm bietet unterschiedliche Versionen: Man kann die Texte auch vom Computer vorlesen lassen, dann blättert es automatisch weiter. Den Schwerpunkt will Hoffmann aber anders legen: “Es geht darum, ein Buch gemeinsam zu erleben!” Deshalb soll nicht ein Kind alleine vor dem Computer sitzen, sondern die Geschichten sollen zusammen mit Eltern oder Lehrern gelesen und erlebt werden.

“Das ist ein Programm, bei dem Emotionen eine große Rolle spielen dürfen”, beschreibt der Gründer seine Plattform. Außerdem gibt es auch didaktisch und pädagogisch wertvolle Anpassungsmöglichkeiten, wie die Seiten eines Buches auch mal ohne Text anzeigen zu lassen. Das helfe dann bei der Sprecherziehung. “Wenn die Lehrkraft das Bilderbuch mit den Kindern liest und dann am nächsten Tag die Geschichte wieder herzeigt, aber ohne Text, können die Kinder erzählen, was sie gestern gelesen haben und üben so das Sprechen.”

Durch Einsetzen der zweiten Coronawelle mussten die Büchereien wieder schließen und es können keine Bücher mehr ausgeliehen werden. Deshalb verkauft Onilo nun auch Zugänge für Privatpersonen und verschickt in Zusammenarbeit mit der Pfarrbücherei Hacklberg sowie der Grundschule Hacklberg einmal pro Woche digital ein Buch.

Und auf genau dieses Buch warten die Kinder von Andrea Rösch jede Woche schon sehnsüchtig. Die Familie kam durch die älteste Tochter mit dem Programm in Kontakt. “Mittlerweile ist sie zehn Jahre alt, aber als sie vier war, hat sie bei den Onilo-Lesestunden mitgemacht”, erzählt Andrea Rösch. Seitdem ist die Familie dem Leseprogramm treu geblieben. “Jetzt gerade lernt mein 6-Jähriger damit das Lesen.” Auch die ältere Tochter sitze immer noch dabei. “Zur Entspannung”, sagt Rösch lachend.

Für sie gleicht Onilo einem vereinfachten Hörspiel, nur dass die Kinder die Sätze sehen und mitlesen können. Manchmal verschaffe das Programm mit der Vorlesefunktion auch ein paar Minuten Ruhe, denn die Kinder lauschen dann gebannt der Geschichte und man könne sich anfallenden Pflichten widmen. Auch Michaela Geyer liest die animierten Geschichten mit ihren Kindern. “Es ist tatsächlich so, dass sich die Jungs schon immer auf die Geschichten freuen”, erzählt die dreifache Mutter und fügt an: “Auch toll ist, dass jetzt passend zur Weihnachtszeit die Geschichte ,Elias und das Christkind‘ verschickt wurde.” Dabei ist Maxi der älteste Sohn, er ist gerade eingeschult und lernt das Lesen. Deswegen geht die Familie die Geschichten oft zweimal durch, einmal drückt Michaela Geyer auch öfter die Pausetaste und Maxi kann das Lesen üben. Das nächste Mal wird der Durchlauf dann schneller. Maxis zwei kleinere Brüder sind noch nicht eingeschult, aber trotzdem begeistert mit dabei. Durch die Animationen stelle das Programm eine Mischung aus Fernseher und Buch dar. “Ich denke das ist eine gute Verbindung für die Kinder.” 

Lily Paßberger

Dieser Artikel erschien in der PNP vom 24.12.2020:

https://www.pnp.de/lokales/stadt-und-landkreis-passau/passau-stadt/Online-Lesestoff-fuer-Kinder-im-zweiten-Lockdown-3872468.html

Veröffentlicht in Onilo

Mit Wagemut und Zuversicht – Mama bei den Piraten

Meine mutige Piratenmama
von von Karine Surugue (Autor), Rémi Saillard (Illustrator)
Verlag: Carlsen
ISBN: 9783551513144

Leise, liebevoll, fast poetisch führen die Worte und Bilder den Leser durch das Bilderbuch: “Weißt du, mein kleiner Matrose, es wird ein Weile dauern, die Insel zu finden”, hatte mir meine Mama zu beginn des Abenteuers erklärt. “Aber meine Piratenmannschaft ist ein starkes Team und der Kapitän ein erfahrener Seebär!”, hatte sie mit einem Augenzwinkern hinzugefügt.

Im Bild nebenan schreitet die Mama des Kleinen tapfer auf die Gangway des Piratenschiffs zu, dessen Mannschaft so gar nicht nach Piraten aussieht. Ärzte in weißen Kitteln stehen an Deck und erwarten sie. Nach Lächeln ist hier niemandem zumute. Verständlich, denn das Piraten-Szenario trügt. Mama ist zu wöchentlichen Check-up ins Klinikum bestellt. Sie hat Brustkrebs und ist noch lange nicht über den Berg. 

Die Wirkung dieses Buches vervielfacht sich, wenn man über die Autorin, Karine Surugue, Folgendes weiß: Sie selbst ist diese Mama (mit 43 Jahren), die gerade durch die Hölle auf Erden geht. Und sie, die Montessori-Lehrerin im Umfeld von Paris, will diesen dramatischen Krankheitsverlauf ihrem vierjährigen Sohn mitteilen. Aber wie macht man so etwas? 

Kindgemäß soll die Vermittlung sein, der Wahrheit entsprechend, nicht zu trostlos, mit einem Funken Hoffnung. 

Da die Mama weiß, dass ihr Sohn begeistert ein Piratenbuch verschlingt, baut sie ihren “Fall” in diese Subkultur ein: Jeden Donnerstag geht sie auf die Reise, um die Schatzinsel zu finden. Nicht immer ist die See ruhig. Immer wieder nähern sich ihrem Schiff Seeungeheuer, die es abzuwehren gilt. Ihr Körper weist Narben auf; klar, echte Piraten haben Narben. Hin und wieder muss sie sich übergeben, das kommt von der Seekrankheit. Sie lässt sich ihre Haare abrasieren und trägt stattdessen Seeräubertücher. Verständlich, Piraten machen das so. Und dass Mama öfter sehr müde ist und sich hinlegen muss, versteht der Kleine auch. Seeräuberei ist einfach wahnsinnig anstrengend. 

Der Kampf aber lohnt sich. Am Ende findet Mama mithilfe der Arztpiraten die Schatzinsel und vertreibt all die Seeungeheuer.

Karine Surugue lässt in einfühlsamer, faszinierender Weise ihren Sohn Anteil an ihrer Krankheit haben. Nicht nur das, er darf fest davon ausgehen, dass er seiner Mama, die so mutig und tapfer kämpft, helfen kann. Nicht das Leid steht im Mittelpunkt, sondern das ernsthafte Ringen mit der Krankheit und die Hoffnung auf ein gutes Ende. Schließlich findet Mama die Schatzinsel – und der Jubel des Kleinen ist unbeschreiblich. Surugues Text und Rémi Saillards Illustrationen summieren sich zu einer atemberaubenden Einheit.

Eine Liebeserklärung an unseren Planeten

Meine Freundin Erde
Von Patricia MacLachlan (Autorin) und
Francesca Sanna (Illustratorin)
NordSüd-Verlag
ISBN: 9783314105128

In vielen Kulturen wurde und wird unser Planet gerne als “Mutter Erde” personifiziert, das Weibliche als der Urgrund alles Fruchtbaren und Schöpferischen gesehen. Die Autorin Patricia MacLachlan und die Illustratorin Francesca Sanna verwenden auch diese Metapher, mit dem Unterschied allerdings, dass ihre Urmutter als Freundin mit kindhaften Zügen und brauner Hautfarbe auftritt. Deren Funktion aber ist dieselbe: die Sorge um die Schöpfung treibt sie um und lässt sie zur Hüterin werden. Sie, die körperlich mit der Natur verwoben scheint und in deren Rhythmus agiert,  nimmt alles Große und Winzige wahr, ob scheidenden Winter oder das Krächzen der Krähen. Ihren übergroßen, sehr aufmerksamen Manga-Augen entgeht nichts. Sie beobachtet, nimmt teil an der Kostbarkeit des Lebens um sie herum und greift helfend ein, wenn es sein muss: Die Schimpansin geleitet sie zu ihrem Nest für die Nacht, das Zebrakind zu ihrer richtigen Mutter; sie pflegt das wispernde Gras der Prärien und die Flechten der Tundra, sie gießt den Sommerregen und lässt Herbstwinde durch die Glieder der Bäume fegen. Und siehe, alles ist gut.

Im Gefüge von Zeit und Leben, von Rhythmus und Sinn geht das Jahr um. Wie der Inhalt des Buches, so auch die äußere Form. Wellenförmig abgerundet und farblich abgestimmt deuten die Seiten beim Blättern ebenfalls das Ablaufen eines Jahres an. Umwerfend die faszinierende Bildwelt von Francesca Sanna. Liebevoll komponierte Laser-Stanzungen ergeben Fenster, die den einen Aspekt mit dem anderen wunderschön verbinden und das Buch auch zu einem haptischen Erlebnis werden lassen. Aller Aufwand ist gerechtfertigt, er soll Achtsamkeit und Wertschätzung unserer Erde gegenüber ausdrücken.  

Ach ja, der Mensch kommt darin nicht vor, auch nicht die irren Probleme, mit denen er zu kämpfen hat. Besser so. Dieses Buch – ein Kunstwerk, vor allem aber ein Festakt mit Würdigung von Mutter Erde.